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POLONICA
Polnische Literatur in Deutschland 1990 - 2000

 

Nur das, was war, ist auch schon viel

Miron Bialoszewski: NUR DAS WAS WAR. Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand. [Pamietnik z powstania Warszawskiego]. Roman. Übersetzt von Esther Kinsky. Verlag Neue Kritik, Frankfurt/M. 1994.

Am 1. August 1944, dem Tag der Sonnenblumen, die um diese Zeit in voller Pracht blühten, brach der Aufstand der polnischen Bevölkerung Warschaus gegen die deutschen Besatzer aus. Miron Bialoszewski (1922-1983), damals 22 Jahre jung, nahm als einer der vielen Zivilisten an dem hoffnungslosen Kampf teil. Ganz am Anfang glaubten die Aufständischen noch fest an die Befreiung, die "Stunde X" bedeutete für sie Leben. Bialoszewski, der die Grausamkeiten des zweiten Weltkriegs überlebte, schrieb seine Erinnerungen an den Aufstand erst zwanzig Jahre später nieder. Dennoch wirken sie so frisch, als lägen die Kämpfe nur ein paar Tage zurück. Dabei bedient sich der Autor einer Sprache, die die Stimmung von damals in sich trägt: einfach, kurz, abgebrochen. Die Sätze sind oft nicht vollständig, als wären sie mitten im Lärm der Gewehrsalven und im Rhythmus des rasenden Herzklopfens niedergeschrieben, immer in Hetze, um noch alles sagen zu können, bevor man von einer tödlichen Kugel getroffen wird:
"Jetzt ging es schon schnell, schnell. Denn die Granaten krachten erbarmungslos. Auf uns. Auf den Eingang. Die Barrikade an der Miodowa war gut. Aber die Barrikade quer über den Krasinski-Platz von der Bonifraterska aus war ganz niedrig, höchstens bis zu den Hüften. ... Aber diese Barrikade war wichtig. Und ein Schutz. Und an ihr entlang krochen wir. Ich schleifte den Verwundeten über den Boden. Mit aller Kraft, die ich noch hatte. Schnell. Schnell." Bialoszewski verherrlicht nichts, man findet bei ihm keine Spur einer pathetischen Beschreibung des Aufstandes. Er wollte Dichter werden und mußte in seiner Jugend Kämpfer und Zeuge der Niederlage von Polens Hauptstadt sein.
Auf alle Etappen des Aufstandes, der von "den Deutschen" (den Ausdruck "die Deutschen" benutzt er, "weil sich alles andere künstlich anhört", und weil alle damals so sprachen) blutig niedergeschlagen und von den russischen Truppen am anderen Flussufer teilnahmslos beobachtet wurde, nimmt der Autor den Leser mit. Er wird Zeuge der anfänglichen Begeisterung genauso wie der Angst, der Hoffnungslosigkeit und der Verzweiflung der letzten Tage des Kampfes und der Zeit danach: "Wir gingen über entsetzliche Trümmerhaufen. ... Hier war es leer. Und Swen fing auf einmal an zu weinen. Ganz laut. Über die ganze Straße. Das gab mir den Rest. Ich heulte sowieso schon. Nur vielleicht leiser."

 

 


Miron Bialoszewski
"Nur das was war"

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